Heft 2014: Time to say Goodbye – schee wars!

Veröffentlicht von Saskia am

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Wer sich noch daran erinnern kann, muss wohl schon gut 40 Jahre alt sein: Der Raunemer Kerweplatz war nicht schon immer auf der Mainzer Straße. Nein! Früher wurde die Raunemer Kerb an der Ringstraße gefeiert, genau dort, wo sich heute die Unterführung Ludwig-Buxbaum-Allee und das Stadtzentrum befinden. Der Neubau der Unterführung zwang die Veranstalter damals, sich nach einem alternativen Kerweplatz umzusehen – und so kam es, dass die Kerb umgesiedelt wurde. Versuchsweise wurde die Kerb auf Raunheims Hauptstraße verlegt. Zunächst wollte niemand so recht daran glauben, dass die Kerb am neuen Standort auch angenommen würde, doch der Wechsel entpuppte sich als voller Erfolg. Und was nur vorläufig sein sollte, nur solange, bis man einen geeigneten Festplatz gefunden hat (wie man den lärmgeplagten Anwohnern immer wieder versicherte) wurde selbst schon zur Tradition: In diesem Jahr feiern wir zum 36. Mal Kerb „uff de Gass“!

36 Jahre Kerb „uff de Gass“

In diesen Jahren hat der Platz so manches erlebt:

Wir konnten drei verschiedenen Bürgermeistern dabei zusehen, wie sie mehr oder weniger erfolgreich versuchten, zur Eröffnung der Kerb das Fass anzustechen. Günther Diehl ließ es sich zu seiner Zeit nicht nehmen, auch mal mit dem Pferd ins Zelt einzureiten und anschließend im Wettsaufen gegen den Brauereigaul anzutreten. Sein Nachfolger Herbert Haas musste später in Windeln mit den Kerweborsch den Baby-Sitter-Boogie tanzen und im Wettsägen gegen den Kerwevatter antreten (der mit seiner Kettensäge vielleicht einen kleinen Vorteil hatte). Und Thomas Jühe ersteigerte gleich in seinem ersten Kerwejahr den Hammel und wollte ihn zum Rasenmähen in den städtischen Parkanlagen einsetzen. Denn damals war der Kerwehammel noch ein echter Hammel, erst später wurde aus Tierschutzgründen das Maskottchen durch selbst gebastelte Plüschhammel ersetzt.

Vom Kerwebaum gibt auch so manche Geschichte zu erzählen: Oft wurde er zu kurz genannt, meist als dünner Zahnstocher verhöhnt. Aber weiß noch jemand, wie es war, als der Baum zu lang war und schon auf dem Weg zum Platz in einer Kurve die Spitze abbrach? Diverse Male wurde der Kerwebaum gestohlen, aber aufgestellt wurde er immer von Hand. Früher wurde er direkt am Sport-Casino noch mit Seilen hochgezogen; eine wackelige und sehr spannende Angelegenheit, die jedoch ihr Ende fand, als der Baum dem Gaststättenbetrieb weichen musste. Die Stadt wollte den Baum mit einem Hubwagen stellen – und hatte dabei die Rechnung ohne die Kerweborsch gemacht. Die kürzten den Baum einfach auf eine handliche Länge und stellten ihn eben doch mit Muskelkraft. Bürgermeister Jühe versprach daraufhin eine Lösung ohne Hubwagen und seitdem wird der Baum in einer Hülse aufgerichtet. Und noch immer aus eigener Kraft.

Natürlich hat der Platz in 36 Jahren jedes Kerwewetter gesehen. Während das Zelt in den ersten Jahren noch keinen Boden hatte und bei Regen die Sturzbäche durch die Bänke liefen, ist es später zu einem beliebten Treffpunkt für alle Besucher der Kerb geworden. Im Rekordsommer bei Hitze bis knapp unter 40 °C wurde es auch schon mal von oben berieselt, um einen Klimaanlageneffekt zu erreichen. Und auch die Umzugsteilnehmer, die es erstaunlich oft mit Unwettern zu tun hatten, kamen immer wieder gern im Zelt an, um dort im Trockenen weiterzufeiern. Tatsächlich gab es auch mal ein Jahr ohne Zelt! Doch die Raunemer mögen keine Saal-Kerb und zeigten den Veranstaltungen dort die kalte Schulter, so dass im nächsten Jahr wieder ein Zelt gestellt wurde.

Im Zelt selbst gab es auch diverse Veränderungen, insbesondere bei der Programmgestaltung! So wurde zum Beispiel der Abend der Vereine von Freitag auf Sonntag und wieder zurück verlegt, zwischenzeitlich sollte er sogar ganz abgeschafft werden. Inzwischen haben unzählige Bands ihre Auftritte im Festzelt gehabt, früher auch mal an jedem Abend die gleiche Band, später gab es  mehr Abwechslung für die Besucher. Ob Kaffee-Nachmittag, Karaoke-Abend, viel bejubelte Auftritte von Tanzgruppen aus den Partnerstädten, 80er-Fete, US-Army-Big-Band oder Disco-Abend: Im Festzelt war immer was los!

Gleich geblieben ist ein Termin für alle Raunheimer: Am Kerwemontag ist Frühschoppen! Bis 1982 gab es zum Frühschoppen sogar städtisches Freibier, was immer für ein volles Zelt sorgte. Jahrelang vom Schnippeler-Karl moderiert, bot der Frühschoppen seither viele unterhaltsame Programmpunkte wie Gickelschlagen, Wurstschnappen, Hammel- und Baumversteigerung, Herzblatt-Spiele, Saufmaschine oder Wettsägen. Bei zünftiger Musik wurde hier auch eine noch ältere Tradition wiederbelebt: Die von den Kerweborsch gesammelten Eier werden bis heute als Rühreier gratis an die Raunemer Frühschoppengäste ausgegeben.

Die ersten Kerweborsch seit den 50er Jahren feierten hier auf der Mainzer Straße „ihre“ Kerb. Sie und die Generationen nach ihnen prägen die Kerb noch heute. Seither gab es nur vereinzelt wenige Jahre, in denen die Raunemer ohne Kerweborsch ihre Kerb feiern mussten. Doch auch hier gab es so manche Änderung: Auf diesem Kerweplatz gab es zum ersten Mal auch Kerwemädels! Einmalig und in der ganzen Umgebung bestaunt wurde zum Beispiel auch das Jahr, in dem die Kerb ausschließlich von Kerwemädels gefeiert wurde.

Aus den „alten“ Generationen der Kerweborsch sind auch ganz neue Zusammenschlüsse entstanden: So wurde aus der Generation Anfang der Neunziger, die plötzlich ohne Zeltwirt dastand und dann mal eben selbst die Bewirtung übernahm, später das Raunemer Kerweteam, das noch heute für die Organisation und Bewirtung des Festzeltes sorgt – und IN DIESEM JAHR SEIN 20. JUBILÄUM FEIERT!!! Aus den jungen Männern, die Ende der Neunziger als Kerweborsch durch die Straßen zogen, bildeten sich später die ersten Altkerweborsch. Auch sie unterstützen noch heute Kerweborsch und Kerweteam, wo sie nur können.

Diese Generation kann sich nicht daran erinnern, dass die Kerb einmal woanders stattfand. Und sie kann sich auch nicht vorstellen, dass es anders sein kann. Einer der Altkerweborsch zum Beispiel plant seinen Urlaub so, dass er zum Baum stellen rechtzeitig zurück ist. Warum? Weil diese Kerb seine Kerb ist. Weil sie das ist, was wir alle unter Kerb verstehen. Und deshalb muss er dabei sein, wenn sie zum letzten Mal auf der Mainzer Straße stattfindet. Seine Partnerin muss das verstehen.

Alles in Allem müssen wir zugeben: Schee wars uff de Gass!

Seit der Nachkriegszeit ist die Kerb schon mehrfach umgezogen: Erst wurde vor dem alten Rathaus und quer über die Hauptstraße bis zum Platz, an dem heute der Backesbrunnen steht, gefeiert. Danach fand die Kerb am Stresemannplatz statt. Später wurde am Mainufer unterhalb des Heimatmuseums gefeiert, bis die Kerb der Umgehungsstraße weichen musste und in die Ringstraße umzog. Um Platz für das Stadtzentrum zu schaffen, musste dann auf die Mainzer Straße ausgewichen werden.

Und dort blieb sie so lange wie an keinem anderen Standort. Doch in diesem Jahr feiern wir zum letzten Mal mitten im Ort, mitten auf der Hauptstraße. Die Kerb zieht wieder um! Wenn die Bauarbeiten weiter im Zeitplan bleiben, begrüßen wir unsere Gäste 2015 auf dem neuen Messplatz auf dem ehemaligen Ihm-Gelände südlich der Bahn in der Nähe des Waldes. Dort wird es einen größeren Platz geben, keine Parkprobleme, keine Lärm- und Müllbelästigung für direkte Anwohner und mehr Raum für Fahrgeschäfte und Buden. Der Zugang zur Kerb liegt dann direkt an der neuen großen Fußgängerunterführung und auch für die Bewohner südlich der Bahn ist es dann über die Uhlandstraße nur noch ein Katzensprung bis zur Kerb.

Wem is die Kerb?

Wir wissen noch nicht, was alles auf uns zu kommt. Wir wissen noch nicht, wie und wo Zelt, Weindorf, Fahrgeschäfte und Buden stehen sollen. Wir wissen nicht, ob es uns und Euch gefallen wird, aber wir werden das Beste daraus machen. Die Kerb ist schon mehrmals umgezogen und sie blieb immer die Raunemer Kerb. Denn ganz egal, wo die Kerb ist: Sie war und ist ganz sicher

UNSER!

Kategorien: AllgemeinKerb

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